3 FRAGEN ZUM THEMA EMANZIPATION AN JANNY SCHULTE

Wann hast Du Dich das letzte Mal aus einer (emotionalen) Abhängigkeit befreit und warum?

Es gab einen ganz großen Bruch in meinem Leben, der das Wort Emanzipation für mich zu einem der wichtigsten in meinem Leben gemacht hat. Bis es zu dem großen Clash kam, sind fast 3 Jahre vergangen, aber im Nachhinein erscheint es, als ob alles nur darauf hinauslaufen musste.
Angefangen hat alles mit einem Unfall.

Ich bin bei Glatteis ausgerutscht und habe mir den Innen-und den Außenknöchel, das Sprunggelenk, sowie das Wadenbein gebrochen, oder um es bildlicher auszudrücken: ich hab mir meinen Fuß komplett zermatscht und war die nächsten Monate ziemlich im Arsch.
Das alles, während man selbstständig ist und trotzdem funktionieren muss, ist jetzt nicht so der Idealzustand.

Soweit so scheiße, danach kam dann alles relativ zackig.
Meine damalige Geschäftspartnerin kündigte mir – gefühlt von einem Tag auf den anderen – die Freundschaft, sowie auch das Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit.
Vom Ding her ist das – wenn auch schwierig – kein Weltuntergang.
Dinge ändern sich nun mal und „wir sind ja erwachsene Menschen und können miteinander sprechen“.
Höhöhö, denkstedenkste nä? Für´n Arsch!
Ein halbes Jahr Psychoterror später wurde ich dann von ihr vor´s Gericht geschleift und musste 5000€ dafür bezahlen, das ich den Namen des von mir gegründeten Labels weiter benutzen darf.

Ich verstehe das bis heute nicht so ganz. Meiner Meinung nach gab es genug faire Angebote von meiner Seite, sowie den immer wieder geäußerten Wunsch nach einem vernünftigen Kompromiss ohne das gleich „Blut“ fließen muss.
Na ju, whatever, jede Story hat zwei Seiten und sie wird wohl die ihre haben.
Ich werde das wohl nie erfahren, denn eine Aussprache hat bis zum heutigen Tag nicht stattgefunden und dabei wird es wohl auch bleiben.
Schön ist was anderes, aber das Leben ist ja nicht immer nur Halligalli und Highlife.

Als ob das an sich nicht schon reicht, führte ich damals eine mehr als unglückliche Beziehung.
So richtig geschnallt habe ich das damals glaube ich nicht. Und wollte es wohl auch nicht.
Wenn man mit soviel Scheiße bombardiert wird, ist man oft einfach froh, das man nicht ganz alleine ist auf dieser Welt.
Spätestens als ich dann eines Tages auf dem Boden lag und der junge Mann auf mich eingeschlagen hat, während ich nur dran denken konnte wie es jetzt dazu kommt, dass ich ein´s auf die Fresse bekomme, obwohl er doch der Arsch ist, der drei Monate lang hinter meinem Rücken eine Andere gebumst hat und danach zu mir kommt und Dinge wie „wir müssen jetzt aber auch mal bald heiraten Schatz“ sagt!?!?! – ja gut, das war der Punkt an dem ich es dann auch mal gerafft habe, das dieser Mensch auf der Stelle mein Haus und mein Leben verlassen muss.

Da fand mein „point of no return“ statt.
Ich stand vor einem beschissenen Scherbenhaufen aka mein Leben, und wusste weder ein noch aus. Ich habe mich immer und immer wieder gefragt, warum das alles passiert ist; und auch wenn ich zu dem Zeitpunkt so rein gar nichts mehr geschnallt habe, eins war mir klar: so kann es nicht weitergehen!!!
Dieser Augenblick war das Resultat von echt verdammt anstrengenden Jahren, aber dieser Augenblick war auch das Resultat meiner Unfähigkeit, mich meiner eigenen Verantwortung mir selbst gegenüber zu stellen.

Das war mein ganz persönlicher und großer Befreiungsschlag aus emotionalen Abhängigkeiten.
Seitdem hat sich vieles verändert, denn ich habe gelernt, dass ich den Schlüssel zu Veränderungen in mir trage. Ich bin immer, und zu jeder Zeit Spiegel meiner Umwelt und solange ich mich nicht in mir selbst ändere, ändert sich auch mein Umfeld nicht.
Das ist ein wunderbares Geschenk und ich bin unglaublich dankbar, dass ich diese Offenbarung zu den Erfahrungen in meinem Leben zählen darf.

Wie sieht für Dich eine emanzipierte Gesellschaft aus?

Ach, die Gesellschaft. Ich bin ja der Ansicht, dass die Art wie wir leben (müssen) eine Zumutung ist, und wir ganz weit davon entfernt sind, unsere wahren, menschlichen Bedürfnisse zu erkennen, geschweige denn in der Lage dazu sind, sie zu befriedigen.
Schimpft mich ruhig einen Träumer, aber immer nur noch geileren materiellen Scheiß zu besitzen, oder noch cooler zu sein, kann nicht der Wahrheit letzter Schluss sein.

Wir leben in einem System, das seit Jahrtausenden patriarchal geprägt wurde und im Patriarchat, so wie es sich im Verbund mit dem Kapitalismus entwickelt hat, geht es nun mal primär darum, wer den dicksten, größten und längsten hat.
Und wenn ich halt nen kleinen, dünnen, krummen habe, dann muss ich ganz viele andere Menschen dominieren, um zu vergessen was für ein armseliges, verschrumpeltes Gehänge da an mir rumbommelt. (Frauen eingeschlossen.)

Der Mensch ist im Grunde ein armseliges Würstchen.
Das Würstchen findet sich voll geil, weil es denken kann und somit ja per se schon mal besser ist als die ganzen behinderten Tiere, die das seiner Meinung nach nicht können.
Gleichzeitig hat das Würstchen aber die ganze Zeit furchtbare Angst davor zu sterben, und vielleicht doch nicht so großartig zu sein, wie es denkt.
Dieses ewige Dilemma versucht es mit allerlei Mitteln auszugleichen und schlittert dadurch nur immer noch tiefer in den Schlamassel.
Das Gemächt wird dadurch auch nicht größer und die Erleuchtung, dass sich Seelenruhe nicht einstellt, wenn man immer nur nach der Prämisse des eigenen Vorteils handelt, kommt den meisten, wenn überhaupt, erst auf dem Sterbebett.
Das ist ein trauriges Spielchen was da gespielt wird und der Mechanismus funktioniert perfekt.

Jeder hatte schon mal den Gedanken, dass es müßig ist sich zu bemühen ein besserer Mensch zu sein, die anderen sind es ja auch nicht.
Das ist unter Anderem die Krux, die es so schwer macht einen Wandel in unserer Gesellschaft zu ermöglichen.
Ich denke, eine wirkliche Emanzipation und ein friedliches Miteinander ist erst dann möglich, wenn der Mensch lernt, dass das Leben vielschichtig ist.
Manchmal ist der Mensch schwach, dann ist er wieder stark.
Der Mensch ist sowohl männlich als auch weiblich, und auch wenn Männer und Frauen vom biologischen Standpunkt aus sehr unterschiedlich sind, tragen wir immer auch die Seite des Anderen in uns.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der wir uns unserer Unterschiedlichkeiten bewusst sind und sie feiern, anstatt sie zu bekämpfen.
Dieses Ziel ist jedoch nur zu erreichen, wenn jeder Einzelne anfängt, sich seiner eigenen Vielschichtigkeit bewusst zu werden. Bis dahin ist es vielleicht noch ein langer Weg, aber gerade wir Menschen in den Industriestaaten haben, meiner Meinung nach, eine Verantwortung der Menschheit gegenüber, diese Gesellschaft zu einer lebenswerten für alle Individuen zu gestalten.

Immer, und in jeder noch so kleinen Handlung!

Welcher Mensch hat es Deiner Meinung nach geschafft, ein emanzipiertes Leben zu führen?

Ich bin nicht so der Mensch, der andere bewundert oder Fan ist, aber Tina Turner hat mich schon immer sehr beeindruckt.
Ihre Geschichte, das ist für mich so etwas wie ein modernes Märchen.
Sie ist kein Kunstprodukt. Ihre Power und ihre Ausstrahlung haben etwas magisches.
Sie hat Höhen und Tiefen in ihrem Leben mitgemacht und ist daran gewachsen, hat ihren eigenen Weg beschritten und hat sich ständig verändert, ohne dabei ihre Integrität zu verlieren.
Sie hat Schwäche gezeigt und ist daran gewachsen. Sie ist finanziell unabhängig, sieht fantastisch aus, ohne irgendwelchen gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen und ist verdammt tough und gleichzeitig sexy.
Das alles sind die Dinge, die sie für mich zu einer Art Vorbild machen. Go Tina!

 

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Janny Schulte

Hobby Soziologin mit stark emanzipatorischen Background, die lernt und liebt. Sich dumme Sprüche ausdenkt und Menschen mag – deren Anwesenheit jedoch nur in homöopathischen Dosen erträgt.

Schwester im Geiste aka Vice Editor in Chief beim Superlative Magazine und unglaublich happy – langsam aber sicher – endlich bei sich anzukommen.

Emancipate – Focus – Rise

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