AGNIESZKA ROZENBAIGJER – DIE WEIBLICHE POSITION: VOM PORNO BIS ZUR CHEF-ETAGE

Eigentlich geht es mir gut. Eigentlich geht es mir sogar sehr gut. Ich kann mich nicht erinnern jemals in meinem Leben schlecht behandelt worden zu sein oder irgendetwas nicht erreicht zu haben nur weil ich eine Frau bin. Und könnte fast behaupten, dass ich eher Vorteile hatte eine Frau zu sein. Und was für eine. Ich liebe es Frau zu sein, es ist einfach das geilere Geschlecht.

Sicher, ich war noch nie Mann und kann es nicht wissen wie sich Mann-sein anfühlt. Aber ich weiß einiges über Männer, und noch mehr über Frauen, und da kann ich frohen Mutes behaupten: Yeah FRAU !
Ich lasse mir den Mund nicht verbieten, ich sage und tue was ich will, ich zeige mich wie ich möchte und ich trage mein Herz auf der Zunge. Ich ficke wen ich will und gerne auch sooft ich will. Ich fluche und prolle. Ich pupse. Ab und zu. Ich trinke, nicht mehr gerne, aber ich rauche. Ganz oberflächlich betrachtet bin ich ein toller Typ. Und da wären wir auch schon direkt in den Kategorien gefangen. Was ist männlich und was weiblich?
Natürlich existieren zwei Geschlechter. Und biologisch kann die Frau oft nicht mithalten. Männer sind anatomisch stärker wenn ich auch wiederum sagen muss ich kenne auch Frauen, die stärker sind als so mancher Hans Wurst. Ich akzeptiere den starken Mann an meiner Seite, der mich schlafend in das Bett trägt, der die Waschmaschine in den dritten Stock schleppt, das Auto anschiebt und viele andere körperlich anstrengende Tätigkeiten übernimmt. Ich akzeptiere auch emanzipierte Männer, die zu ihren Schwächen stehen, Gefühle zeigen und gerne auch Hausmänner sind.
Was ich nicht akzeptiere sind Aussagen wie: „Das machen Frauen nicht!“ Zum Beispiel beim Rülpsen. Oder wenn ich ein Regal selber zusammenbauen möchte. Oder wenn ich böse Worte sage wie: Mutterficker oder Hurensohn. Dann kommt immer gerne der Kommentar: Nein das machen Frauen nicht. Ich wüsste nicht wann ich das zu einem Mann gesagt hätte. Wenn er vielleicht weint. Oder wenn er Blumen mag. Oder wenn er singt und gerne seine Hüften kreisen lässt. Da haben wir sie wieder die bösen Kategorien. Auch wenn sie nicht ofensichtlich sind, sie kategorisieren uns immer und ständig. Nein um Körperlichkeiten, Vorlieben oder Emotionen geht es nicht.
Ich bin keine Frau, die gerne die feministische Keule schwingt. Ich bin primär ein freier Mensch und möchte nicht auf mein Geschlecht reduziert werden. Vor allem nicht intellektuell. Und auch nicht wirtschaftlich oder politisch. Ich bewege mich in künstlerischen Kreisen. Die Gleichberechtigung ist hier selten ein Thema. Aber es gibt einfach mehr Männerollen und mehr männliche Schauspieler. Sicherlich liegt das auch an der Geschichte des Schauspiels, früher durften Frauen nicht spielen und alle Rollen wurden von Männern übernommen. Daher sind in klassischen Stücken kaum Frauen vorgesehen. Für die heutigen Autoren spielen Geschlechter weniger eine Rolle, ja es gibt sie aber es geht mehr um Figuren, um starke und schwache.
Doch wenn ich mich im kreativen Raum umherschaue sehe ich wesentlich mehr Männer. Mehr Regisseure, mehr Drehbuchautoren, mehr Produzenten. Auch in der Wirtschaft und in der Politik mehr Männer an Spitzenpositionen. Und das obwohl ein männlicher Manager nicht mehr leisten muss als ein weiblicher. Es geht nicht um körperliche Arbeiten. Es geht um Strategie, Vernunft und Führung. In diesen Kategorien sind wir gleich. Es gibt nicht den klugen Mann und die vernünftige Frau. Es gibt beides in beidem.

Frauen werden gesellschaftlich ausgebremst im Anstreben von Führungspositionen. Auch im Jahr 2015 werden Frauen ausgebremst wie vor 50 Jahren. Frauen sind nicht belastbar, müssen gebären, Kinder aufziehen und sich um den Zusammenhalt der Familie kümmern. Ein denkender Mensch muss aber erkennen, dass es sich hier um keine Geschlechterfrage handelt. Es gibt heutzutage Kinder, die von zwei Männern großgezogen werden und keinerlei Schäden davon tragen, warum auch. Menschen können Kinder großziehen. Menschen können sich um die Familie kümmern. Menschen können die Welt regieren. Wir sind sicherlich auf einem guten Weg in Richtung Gleichberechtigung aber noch sehr weit von Ziel entfernt.
Frauen wie Patricia Arquette, die bei der diesjährigen Oscar-Verleihung nochmal auf die Rechte der Frauen weltweit aufmerksam machte, werden immer mehr gehört und gepusht. Einige Türen öffnen sich und einige Ohren hören zu. Doch auch hier sind wir im künstlerischen Bereich. Schaut man sich in der Wirtschaft um, ist es doch eher selten, dass man auf eine Chefin trifft. Und was noch viel unverschämter ist, dass es vielleicht eine Chefin gibt, die dann aber weniger verdient als der männliche Kollege. Zur geschlechtsspezifischen Bezahlung fehlen mir einfach nur die Worte. Diese offensichtliche Ungleichmässigkeit darf nicht weiterhin toleriert werden.
Es ist für mich einfach auch sehr schwer nachzuvollziehen, dass Positionen nach Geschlecht vergeben werden. Auf dem Bau kann ich es noch grad so verstehen aber alles das über das körperliche Argument hinausgeht, ist inakzeptabel.
Wo wir schon beim Thema Positionen sind. Im Porno passiert ein großer wenn auch nicht riesiger Wandel. Nach langer Diskussion um die Darstellung der Frau sowie der männlichen Perspektive, gibt es heutzutage wunderbare Pornos von Frauen für Frauen oder besser für Menschen. Pornos aus weiblicher Perspektive gefilmt. Filme, die auf die Bedürfnisse der Frauen abgestimmt sind. Ja verdammt, wir Frauen schauen uns auch gerne Pornos an und ja wir besorgen es uns dabei auch mal selber. Und ja manchmal wollen wir ästhetische Körper sehen, die zwei drei Sätze sagen und sich dann auch mal der sinnlichen Fickerei hingeben. Und nicht immer nur: Frau, blond und hilflos, wird von Mann, stark und großgliedrig, auf dem Parkplatz in den Arsch oder in die Möse a tergo mässig gebumst. Aber ich will niemanden verbieten solche Filme zu schauen auch das sind Menschen, die ihre Brötchen verdienen. Es war halt an der Zeit, dass auch etwas mehr Sensibilität, Schönheit und Intention in den Sexfilm einzieht.
Diese ganze Frau / Mann Diskussion ist sicherlich eine schwere. Es ist weiter Weg, den wir noch gehen müssen. Aber ich weiß, dass es Menschen gibt, die einen an die Hand nehmen und in die richtige Richtung lauthals Parolen schreiend laufen. Nackt – wenn wir wollen; in Burkas – wenn wir wollen; geschminkt und ungeschminkt – wenn wir wollen; mit Kind; schwanger; mit Mann; mit Frau; als Chefin; als Technikerin – als alles was wir wollen und wie wir es wollen.
Ich will mir mein Geschlecht nicht absprechen. Das will auch kein anderer. Ich liebe und lebe Traditionen. Ich bin für eine intelligente Emanzipation und dafür stehe ich gerade. Ich bin für Menschen und gegen den Missbrauch von Geschlechtern.

Ich danke Frauen wie Janny Schulte für ihre Rastlosigkeit und Intensivität in der Auseinandersetzung mit der heutigen Weiblichkeit.

 

[infobox bg=“redlight“ color=“black“ opacity=“on“ subtitle=“www.lovetoooact.blogspot.com.es“]Agnieszka Rozenbajgier[/infobox]

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Ich bin Schauspielerin. War am Theater und im Fernsehen. Ich sehe mich als Acting Element. Ich spiele für meine Leben gerne.

Ich bin Texterin für No Agency, Klingenberg Books und meinem eigenen Blogazine.

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