Alex Diamond – The Elderly Gentlemen Holzfäller-Dynastie

Dass Jörg Heikhaus Alex Diamond ist, habe ich ehrlich gesagt lange Zeit nicht gecheckt. Bis mich ein Freund mit einem Augenzwinkern sukzessive mit dem Satz „Ähm, Nicolette, aber Jörg ist doch Alex!“ darauf hinwies (ja, war etwas peinlich, ich gebe es zu). Ich kenne Jörg schon ziemlich lange, seit dem ich in Hamburg wohne, besuchte ich regelmäßig seine Ausstellungen bei Heliumcowboy. Über die Jahre hat sich eine Menge getan und Jörg – ich meine Alex Diamond – hat sein Kunstuniversum, bestehend aus ihm und seiner Company „The Alex Diamond Mining Company“ stets weiterentwickelt. Es wurde für mich also höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme. Inzwischen hat Jörg die Galerietätigkeit mit heliumcowboy eingestellt, um sich vollends um seine eigene Kunst zu kümmern.

Aley Diamond aka Jörg Heikhaus

Aley Diamond aka Jörg Heikhaus

Alex Diamond – The Elderly Gentlemen

1. Alex Diamond, stell Dich kurz vor: Wer bist Du und was machst Du?


Jörg Heikhaus, aka Alex Diamond – Künstler, Kurator, Family Man.

2. Seit wann bist Du Künstler?


Eigentlich schon immer. Mit 16 habe ich meine ersten Ausstellungen, Comics und Graffiti
 und solchen Kram gemacht. Richtig ernsthaft ausgestellt habe ich dann in den 90gern. Dann
 habe ich jedoch erst mal viele andere Sachen unternommen, in verschiedensten Jobs und 
Industrien gearbeitet, bin rund um die Welt gereist und habe mich 2004 als Alex
 Diamond ,hauptberuflich‘ zurückgemeldet als Künstler.

3. Beschreibe Deinen kreativen Kosmos und Deine Kunst. 
Kann man so etwas beschreiben?

Kunst zu machen muss man ja wollen, es ist eine 
Lebenseinstellung und schwer zu erklären. Mein Prozess ist ein sehr stark handwerklich
 geprägt, und demzufolge bin ich auch ein bisschen klassischer Handwerker, was meine 
direkte Umgebung angeht – Aufbau und Struktur des Ateliers und meiner Arbeitsweise, der
 Umgang mit Werkzeug und Material, die Recherche, bevor ich ein neues Werk beginne – all das
 pricht nicht für künstlerisches Chaos, sondern für ein traditionell strukturiertes Vorgehen.
 Vielleicht ist das mein kreativer Kosmos: Aus der Ordnung heraus komplexe Geschichten
 zu erzählen, in denen viel Leidenschaft und Spontaneität, aber eben auch unglaublich viel 
Nachdenken, Konzentration und die Weisheit eines ,elderly Gentlemen‘ stecken.

Alex Diamond "Stay Gold" Artwork on Wood

Alex Diamond „Stay Gold“ Artwork on Wood

„Stay Gold“ – das neue Woodwork von Alex Diamond

4. Seit ein paar Jahren machst Du häufiger Holzdrucke. Wie kam es dazu?

Ich habe mich seit einigen Jahren auf die Technik des Holzschnitts spezialisiert, und hier ist der
 Holzdruck nur eine Form der manuellen Vervielfältigung eigenständiger Arbeiten. In erster
 Linie mache ich jedoch Originale – das heißt, ich entwickle mit den Mitteln der Malerei,
 teilweise auch Fotografie, auf dicken Holzplatten Hintergründe, aus denen ich dann 
detailreiche Strukturen und Motive heraus schnitze, die ich teilweise anschließend auch wieder
übermale oder einfärbe. Das sind alles Unikate, die man nicht drucken kann. Aber hin und
 wieder mache ich eben auch limitierte Holzdrucke auf handgeschöpftem Papier oder Textil,
 weil der Reiz der Reproduktion schon recht groß ist. Und es einfach auch viel Spaß macht.

Alex Diamond Wood Block Print

Alex Diamond Wood Block Print

5. Wie funktioniert so was technisch und wie lange brauchst Du für einen Woodblock
 Print?


Die Dauer ist eine Frage der Komplexität des Schnitts, der Anzahl der Farben und der Größe.
 Das Vorgehen ist immer gleich: ich drucke im Prinzip mit der uralten japanischen Technik des 
manuellen Handabzugs. Zuerst schnitze ich das Motiv in einen Holzblock, manchmal brauche
 ich auch mehrere Blöcke, je nachdem wie umfangreich das Bild am Ende wird. Dann lege ich die Platte auf meinen Drucktisch, trage mit der Rolle die erste Farbe auf, decke alle Flächen, die
 nicht mitgedruckt werden, mit Schablonen ab, lege ein hauchzartes aber superstabiles,
 handgeschöpftes Papier exakt darüber und presse dann das Papier mit einem so genannten 
Handreiber auf den eingefärbten Holzblock. Dann wird das Papier an der Luft getrocknet, der
 Druckstock abgewaschen und die nächste Farbe angelegt. Je nach Anzahl der Farben wiederholt 
sich dieser Vorgang, das kann von zwei Tagen bis zu einer Woche dauern, bis ich eine Edition fertig
 habe.

Alex Diamond Woodcut Print

One more tired thing. wood carving, acrylic paint, ink, wood, 50 x 50 x 3 cm (2013)

Alex Diamond Woodcut Print

MILES I (1967 Chevrolet Stepside Pickup C-10) wood carving, acrylic paint, ink, wood, 50 x 70 x 3 cm (2013)

Alex Diamond Woodcut Print

Rage. (or: Don’t wake Schacke) woodcut, acrylic paint, 30 x 40 x 3 cm (2013)

Beim Textildruck gehe ich etwas robuster vor: Ich ziehe den Stoff auf eine Holzplatte, die
 kommt auf den Fußboden, dann lege ich den eingefärbten Holzblock darüber und stelle mich
 dann zum Anpressen mit meinem Körpergewicht darauf. Ich nenne das Verfahren schlicht ,boot
pressed print‘ …

TRESPASS from alex diamond on Vimeo.

6. Woher kommt diese Technik ursprünglich und warum hast Du Dir genau diese 
neuerdings für Deine Artworks ausgesucht?

„Die im Prinzip sehr einfache Technik des Hochdrucks zählt zu den ältesten Verfahren der
 Menschheit, ihre Bildvorstellungen festzuhalten.“ (Wikipedia). Gibt es also schon ewig. Heute
 noch am bekanntesten sind sicherlich die Holzdrucke der japanischen Künstler aus dem 18.
 Jahrhundert, wie Hokusai oder Hiroshige. Deren Arbeit hat mich eindeutig inspiriert. Ich habe ja 
zunächst den Holzschnitt für Unikate eingesetzt und habe dann erst angefangen zu drucken.
 Und für mich bestand eben auch der Reiz darin, diese japanische Tradition in einen Kontext der
 Gegenwart zu setzen, vor allem inhaltlich und visuell.
 Ein handgezogener Holzdruck ist immer etwas besonderes, da man bei jedem Druck ein leicht 
unterschiedliches Ergebnis erhält. So wird bei einer Edition jeder Print zum Unikat. Auch das
 Material fühlt sich in jeder Phase des Prozesses einfach nur gut an, das Holz, die
 Schnitzwerkzeuge, das Naturpapier … Das ist schon etwas anderes als ein Siebdruck oder ein
 Fine Art Print aus dem Computer. Die Auflagen, die ich mache, sind in der Regel auch immer
 recht klein. Das ist alles recht wertvoll, selten und eben von einer ganz besonderen,
 individuellen Ästhetik geprägt.

The Alex Diamond Mining Company Holzdruck

The Alex Diamond Mining Company Holzdruck

7. Deine Motive zeigen oft skurrile Figuren, Dämonen und Szenen mit Wasser.
 Warum?


Wasser ist ein elementarer Bestandteil meines Lebens und meiner Arbeiten. Ich rede jetzt nicht 
von Trinkwasser oder der morgendlichen Dusche, obwohl sich da natürlich der Kreis schließt und mir die Bedeutung des Wassers als wertvolle Ressource bewusst ist. Zuletzt habe ich ja 
auch vor diesem Hintergrund mit Viva con Agua für Sankt Pauli als künstlerischer Leiter die
 MILLERNTOR GALLERY #03 umgesetzt.
Aber das Wasser, die Wellen in meiner Arbeit: ich habe immer in einer Stadt am Fluss gelebt, 
bin am Rhein geboren, lebe seit 15 Jahren an der Elbe … ich liebe die Unendlichkeit des Meeres,
 bin früher auf meinen Reisen auch viel gesurft, in Australien, Neuseeland, den USA und so 
weiter … das hat viel mit Sehnsüchten, Vergänglichkeit, Unberechenbarkeit und natürlich der 
Schönheit der Natur zu tun … wer einmal mit dem Brett über Klippen geklettert und in die 
stürmische See hinausgepaddelt ist, um dann auf die perfekte Welle zu warten, weit draußen 
im Meer, der weiß was ich meine.
 Die Figuren … kann ich selber nicht so richtig erklären. Ich habe da keinen Namen für. Die
 waren irgendwann einfach da. Die verschlungenen Arme, die flüssigen Körperformen, die
 lassen mir großen Freiraum, in die Geschichten der Bilder einzugreifen. Sie umschwärmen die 
Bilder, heben Schiffe aus dem Wasser, können rettend oder verheerend sein … eine zeit lang 
habe ich ja auch sehr realistische Menschen gemalt und gezeichnet, doch damit legt man sich 
immer sehr stark fest und lässt wenig Raum für Interpretation. Ein gutes Bild ist für mich auch 
immer wie eine gute Jazz-Komposition – eine Struktur, die aufgelöst, interpretiert und ausgelegt
 wird von den Musikern … wenn alles gut geht bin ich der Komponist, und die Band setzt sich 
aus den Betrachtern des Bildes zusammen. Jazz, Rock‘n‘Roll, Hip Hop … alles Formen der 
Musik, die in meinem Werk ebenfalls eine wichtige Rolle einnehmen.

Alex Diamond Magazine Drawings

Alex Diamond Magazine Drawings


Alex Diamond Magazine Drawings

8. Neben den Holzarbeiten stechen Deine Magazine Drawings heraus, bei denen Du 
Seiten aus Zeitschriften übermalst und zum Artwork machst. Woher rührt diese Idee?


Die Magazine Drawings sind tatsächlich ein Nebenprodukt meiner Arbeit. Ich war noch nie der 
klassische Skizzenbuch-Künstler, ich habe schon als Kind lieber in meine Schulbücher gemalt 
und alles voll gekritzelt. Also heute mache ich das halt meist in Zeitschriften, wenn mich eine
 Seite anspricht und ich sie verändern oder neu interpretieren oder einfach nur aus dem Kontext
 heraus nehmen möchte.
 Irgendwann habe ich angefangen, diese Seiten raus zu reißen und mich stilistisch festzulegen.
 Daraus sind dann die Magazine Drawings entstanden, die ich hin und wieder auch ausstelle.
 Das erste mal in Hamburg und New York 2007, die waren dann ganz schnell weg, und obwohl 
die Holzschnitte sicherlich der wichtigere Teil meines Werkes sind, so haben die Magazine
 Drawings eine große Fangemeinde gefunden. Letztes Jahr habe ich dann ja auch eigene Fotos 
inszeniert und diese überzeichnet, da entstehen dann wieder wesentlich komplexere Arbeiten. 
Manchmal muss ich diese Geschichten eben auch von Anfang an erzählen und will nicht, wie 
bei Zeitschriftenseiten, auf Vorhandenem aufbauen.

9. Wer sind Deine Vorbilder in der Kunstszene?

Im Prinzip sind das alle Künstler, die ihr eigenes Ding machen und sich auch gegen Widerstände
 durchsetzen, die sich stets an sich und ihrem Werk abarbeiten, mich überraschen und 
beeindrucken können und ihre Zeit auf dieser Erde dazu nutzen wollen, etwas ganz Besonderes 
zu hinterlassen, ganz gleich, ob sie große oder kleine Wellen damit schlagen. Das kann ein
 Superstar sein, aber eben auch ein Zeichner, dem nur ein einziges Bild gelungen ist und den 
kaum jemand wahrnimmt.
 Das ist jetzt sehr allgemein und natürlich auch sehr subjektiv in der Beurteilung, und ich 
betrachte das auch absolut genreübergreifend, von Musik, Literatur, bildender Kunst, Film …
festlegen kann ich mich einfach nicht, es ist eine große Collage interessanter Menschen. Auch 
wenn es extrem schwierig ist, heute noch etwas komplett Eigenständiges zu schaffen, so bleibe 
ich bei dem Bild der Jazz-Komposition und ihrer Interpretationsmöglichkeiten … wenn es mich 
nicht erregt, verschwendet es meine Zeit.

Woodblock Art by Alex Diamond on T-Shirt

Woodblock Art by Alex Diamond on T-Shirt

10. Wie hat sich die Kunstszene in den letzten Jahren entwickelt und wo geht der 
Trend Deiner Meinung nach hin?

Wo der Trend in der Kunstszene hingeht? Keine Ahnung.
 Ich weiß, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass ich mit heliumcowboy ja auch über 10 Jahre
 lang eine stilprägende und international recht bekannte Galerie aufgebaut habe, sollte ich hier 
vermutlich mit Expertenrat etwas Klügeres sagen. Aber ganz ehrlich: das ist von so vielen
 Faktoren, unterschiedlichen Menschen und natürlich immer auch dem Geld abhängig, dass man 
eigentlich nur einen Status Quo und persönliche Wünsche äußern kann.
 Der Status Quo: Die letzten Jahre hat die bildende Kunst sich aus dem Etablierten 
heraus geschält und ist Teil unserer Unterhaltungsindustrie geworden – was ich persönlich jetzt
 gar nicht schlimm finde, das ist ja auch ein demokratischer Prozess und es gibt aufgrund dessen
 viele großartige Künstler, Stile und Strömungen, die früher gar nicht sichtbar geworden wären.
 Aber Kunst ist ja zum Glück irgendwo auch immer mit persönlichem Geschmack und
 Meinungen und individuellen Lebensumständen verbunden, deshalb bleibt es selbstverständlich
 auch spannend. Punk und Subkultur haben ja zumindest meine Generation geprägt, sind aber 
heute auch nicht mehr exklusiv für die Geburtsjahrgänge späte 60er/frühe 70er … Am Ende des
 Tages geht es in der Kunst eben auch in erster Linie um das eine: die Suche nach dem Next Big 
Thing. 
Graffiti ist doch ein schönes Beispiel: erst von der etablierten Kunst verpönt und vom Gesetz
 verfolgt, dann von allen umarmt, schliesslich zu einem werbetauglichen Massenprodukt
 entwickelt … und es dauert nicht mehr lange und die sogenannte ,Street Art‘ hat den Charme
 und den Status von Töpfermärkten auf Stadtteilfesten erreicht. Aber: es bleiben auch hier die
 Ausnahmen, das Besondere und die Künstler, die es tatsächlich geschafft haben, über die 
Ursprünge der Bewegung hinaus etwas auszusagen, das wichtig ist und die Zeit überdauert.
 Was da als nächstes kommt? Who knows? Wofür werden sich meine Söhne begeistern können,
 wenn sie dann schliesslich die Entscheidungen treffen in naher Zukunft? Ich bin da Optimist -
 die werden das schon richtig machen.

The Alex Diamond Mining Company T-Shirts

The Alex Diamond Mining Company T-Shirts


11. Was steht als nächstes bei Dir auf dem Plan?


In diesem Jahr stehen noch einige Ausstellungen und Projekte an, man findet mich also die
 meiste Zeit im Atelier. 
Nachdem ich ,Alex Diamond‘ vor knapp 3 Jahren aus dem Schattendasein als Nebenprojekt 
außerhalb der Galerie heliumcowboy und dabei dann auch gleich aus der Anonymität der
 Anfangsjahre herausgeführt habe, kümmere ich mich mehr oder weniger ausschließlich um 
meine eigene Kunst. Und jetzt bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich für Alex Diamond 
selber eine Galerie oder einen Manager bzw. Agenten brauche – das Projekt ist einfach zu groß 
und erfolgreich geworden, da ist es schwierig, neben der Arbeit im Studio noch aktiv an der 
Vermarktung oder ähnlichem zu arbeiten.
 Also, folgendes ist der Plan: Ich verlasse die heliumcowboy-Ranch vollends, unterschreibe 
demnächst bei einem Galeristen oder Manager mit Alex Diamond und wir alle werden 
weltberühmt und unermesslich reich.
Dann realisiere ich mit der ganzen Kohle den Umzug der ,The Alex Diamond Mining Company‘ in eine wunderschöne und vor allem dünn besiedelte Landschaft, das muss nicht unbedingt in 
Deutschland sein. Ich brauche mehr Natur um mich herum und eine große Scheune als Atelier, 
idealerweise mit Blick auf die Brandung eines Ozeans. Es wird Platz geben für große alte 
Autos, eine Werkstatt, eine Brauanlage, eine Basketballhalle und ein Box-Gym, und
 selbstverständlich für all meine Freunde, die zu mir kommen um endlich ohne Druck die richtig 
großen Ideen umzusetzen, die in den meisten von uns schlummern und die der Alltag oft nicht 
zulässt. 
Das darf alles ruhig aus Holz und nicht für die Ewigkeit gebaut sein, denn Holz ist mein 
absolutes Lieblingsmaterial. Eine Friends & Family Residence aus Treibholz reicht mir.
 Was nur wenige wissen: ich bin ja Teil einer längst untergegangen Holzfäller-Dynastie aus 
Nord-Kalifornien, und dieses genetische Erbe beeinflusst mit einer großen Unruhe alles, was
 die ,The Alex Diamond Mining Company‘ heutzutage macht …

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www.alexdiamond.net“]The Alex Diamond Mining Company[/infobox]

Nicolette

Nicolette liebt es ihr Bier auf dem Bürgersteig zu trinken, kann auf High-Heels nicht laufen und backt Plätzchen wenn sie eine Schreibblockade hat. 2013 launchte sie gemeinsam mit Ihrem Homie Janny Schulte das Superlative Magazine - It's a Herzblut Thing.

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