CERVEJA FEMINISTA – Feministisches Bier aus São Paulo

Als Reaktion auf machohafte Werbekampagnen brasilianischer Biermarken hat das Kollektiv 65/10 aus São Paulo im Februar 2015 ein feministisches Bier herausgebracht. Superlative-CUNTributerin Caren Miesenberger sprach mit Maria Guimaraes (28), einer der drei Macherinnen des Cerveja Feminista, über Sexismus in der Werbebranche, Craft Beer und die Geschlechterverhältnisse in Brasilien und Deutschland.

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Hallo Maria, könntest du dich kurz vorstellen?

Ich heiße Maria Guimaraes und bin Mitgründerin des Kollektivs 65/10, welches das Cerveja Feminista auf den Markt gebracht hat. Ich bin seit fast 10 Jahren in der Werbebranche tätig und habe für ein paar wichtige Agenturen hier in Brasilien gearbeitet, unter anderem für große Marken wie beispielsweise Nike.
Vor einiger Zeit haben meine Kolleginnen Larissa, Thaís und ich uns zu einem Kollektiv zusammengeschlossen.
Wir arbeiten zusammen in der Kreativabteilung einer Werbeagentur und haben festgestellt, dass dies sehr wenige Frauen in Brasilien tun. Meistens sind nur eine oder zwei Frauen in den Abteilungen der Agenturen für die Kreation von Werbung zuständig. Es ist ein sehr maskulines Arbeitsumfeld. Um darauf aufmerksam zu machen haben wir uns zu 65/10 zusammengeschlossen, welches ein Kollektiv des kreativen Aktivismus sein soll und dessen erstes Projekt das Cerveja Feminista ist.

Was bedeutet 65/10?

65 ist die Zahl die wir in einer Studie aus dem Jahr 2013 gefunden haben: 65 Prozent der brasilianischen Frauen identifizieren sich nicht mit der Werbung, die wir hier in Brasilien haben.
Das gilt nicht nur für Bier, sondern auch für alle anderen Produkte. Heutzutage hat die brasilianische Werbung jährliche Ausgaben von einer Billion Real (circa 307 Millionen Euro, in Deutschland gibt es insgesamt circa 25 Milliarden Euro an jährlichen Werbeausgaben, Anm. der Red.). Aber 85 Prozent der Kaufentscheidungen in Brasilien werden von Frauen getroffen. So wird ganz schön viel Werbebudget in den Müll geworfen.
Die andere Zahl, 10, bezieht sich auf den Frauenanteil in den Kreativabteilungen der Werbeagenturen. Maximal 10 Prozent der Kreativabteilungen von Werbeagenturen in Brasilien sind weiblich besetzt. Es gibt also ein Ungleichgewicht zwischen denjenigen, die Werbung herstellen und denjenigen, die sie erreicht.

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Warum habt ihr das Cerveja Feminista entwickelt?

Wir haben uns zunächst als Kollektiv zusammengeschlossen und dann nach Möglichkeiten gesucht, auf eine kreative Art und Weise auf Sexismus und Feminismus aufmerksam zu machen. Uns ist im Februar zum Karneval dann aufgefallen, dass besonders Bierwerbung sehr sexistisch ist und die Idee des Cerveja Feminista entwickelt. Für uns ist das Bier ein Weg, Aufmerksamkeit zu generieren und die Diskussion um Feminismus am Laufen zu halten. Wir haben dann innerhalb von drei Tagen alles entwickelt, eine Homepage erstellt und das Bier direkt nach dem Karneval lanciert. Es ist dann genau das eingetreten, was wir wollten: Dass wir eine Diskussion angestoßen haben.

Warum haltet ihr das Bier in Brasilien für sexistisch?

Das hat verschiedene Gründe. Erst einmal denke ich, dass Brasilien ein Land ist, in dem es sehr viel Sexismus gibt. Die brasilianische Werbung ist sehr machohaft – die Kreativteams in den Agenturen bestehen zu 90 Prozent aus Männern, sie ist von Männern für Männer gemacht. Und die Werbung, die gemacht wird, ist sehr sexistisch. Es werden nicht nur Frauen schlecht dargestellt, sondern es wird auch ein stereotypes Männerbild geschaffen: Alle Männer lieben Fußball und so weiter. Es gibt Tausende von Wegen, die in der Werbung gegangen werden können. Und der Machismus ist ein Weg, der gegangen wird – und einer der schlimmsten Wege.

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Und in der Bierwerbung ist das besonders evident?

Genau, denn dort wird dann beispielsweise eine nackte Frau abgebildet, was eine Art ist, die Aufmerksamkeit von Männern zu gewinnen und Werbung zu ihrer Befriedigung zu machen. Aber es gibt auch viele gute Kampagnen, die Frauen nicht auf diese Art und Weise behandeln. Beispielsweise macht Heineken hier in Brasilien Werbung, die zwar fast nie direkt Frauen anspricht, aber sie auch nicht in einer objektivierenden Form behandelt, indem sie den Körper von Frauen nicht ausliefert und keinen Profit aus dem männlichen Blick schlägt. Und das ist eine Brauerei, die in Brasilien auch gut verkauft.

Was sind die aktuellen feministischen Themen und Kämpfe in Brasilien?

Ich denke das primäre Problem heutzutage, das baldmöglichst gelöst werden muss, ist der Femizid.
Heute wird in Brasilien jede 90 Minuten eine Frau umgebracht, nur weil sie eine Frau ist.
Dies ist offensichtlich ein Produkt einer sexistischen Mentalität des gesamten Landes.
Den Femizid hat die Präsidentin Dilma Rouseff auch anerkannt, was ich für eine sehr große Leistung halte – um darüber zu sprechen und die Bevölkerung für dieses Verbrechen zu sensibilisieren.
Das Gesetz “Maria da Penha” gegen häusliche Gewalt (in Brasilien wurde im Jahr 2006 erstmals häusliche Gewalt unter Strafe gestellt, Anm. d. Red.) hilft auch sehr.
Aber ich glaube, dass jetzt die Zeit gekommen ist, in der wir uns mit Feminismus identifizieren und in der wir den Leuten erklären, was es bedeutet. Viele Leute wissen das nicht und denken, dass Feminismus eine weibliche Vorherrschaft schaffen und die bestehenden Verhältnisse umkehren will. Uns geht es aber um Gleichberechtigung, um die gleichen Repräsentationen, um gleiche Stimmen und nicht, dass wir besser sind als jemand anderes!

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Du hast mir erzählt, dass du schon mal in Deutschland warst. Wie hast du die Position der Frauen in der Gesellschaft im Vergleich zu Brasilien wahrgenommen?

Die Position unterscheidet sich sehr. Ich war jetzt nur in Berlin und kann nicht viel über andere Orte sagen, aber ich habe es dort sehr gemocht und würde am Liebsten zurück.
Ich glaube, dass es dort einen viel größeren Respekt vor und ein größeres Wissen über Feminismus und weibliche Freiheit gibt. Als ich in Berlin war habe ich nicht gesehen, dass Typen einem auf der Straße irgendwelche Dinge hinterherrufen, wie es hier in Brasilien ständig passiert. Dort konnten sich Frauen anziehen, wie sie wollen und wurden trotzdem respektiert, ohne, dass sie angesehen wurden, ohne, dass sie sich Sprüche anhören müssen. Ich denke, dass das mit der Geschichte des Landes zusammenhängt – Männer gingen in den Krieg, während Frauen zu Hause blieben und dann eben auch berufstätig sein mussten. Hier in Brasilien ist der Gedanke sehr stark, dass Frauen nichts aushalten und keine Kraft haben, um zu arbeiten. Ich glaube, dass es dort eine Wahrnehmung der Frau als starker Mensch gibt, der keine Hilfe braucht, um zum Beispiel eine schwere Kiste zu schleppen. Hier ist es oft so, dass gedacht wird, dass Frauen nichts aushalten.

Aber in Brasilien gibt es doch auch Unterschiede in der Gesellschaft. Beispielsweise war es so, dass Schwarze Frauen immer arbeiteten – früher ohne jegliche Rechte als Versklavte und heute eben auf dem “normalen” Arbeitsmarkt.

Ja, auf jeden Fall. Der Sexismus hat verschiedene Nuancen. Eine heterosexuelle, weiße Frau der brasilianischen Mittelklasse hat ein viel weniger schweres Päckchen zu tragen als eine Schwarze Frau einer ärmeren Schicht, die in einer Favela wohnt. Es gibt da auch unterschiedliche Probleme bezüglich der Diskriminierung. In Deutschland weiß ich nicht, wie der Sexismus hinsichtlich Ethnizität und Migration funktioniert, aber auch dort wird es sicherlich kompliziert sein. Die Frage, wie Arbeit und Kinder kriegen vereinbar ist, ist bestimmt immer noch schwierig. Das ist ja ein Problem in fast allen Orten der Welt. Hier in Brasilien werden Frauen stark verurteilt, wenn sie gleichzeitig Kinder kriegen und arbeiten möchten. Es wird als Schwäche angesehen.

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Zurück zum Bier – du hast erzählt, dass ihr alle aus der Werbebranche kommt. Wie kommt ihr denn dann überhaupt dazu, Bier zu brauen?

Zwei unserer Freunde sind Architekten, Bierbrauer und Feministen. Die haben uns das Rezept für ihr Bier gegeben als wir ihnen von unserer Idee erzählten. Und weil wir sehr viel mehr Nachfrage hatten als wir produzieren konnten, mussten wir uns ziemlich in die Arbeit stürzen, um die Produktion aufrecht zu erhalten. Wir konnten dann einen Vertrag mit der Bierbrauerei “Dortmund” aus dem Inland des Bundestaates São Paulo abschließen, die machen dort Craft Beer. Es gibt in Brasilien eine Craft Beer Szene, die relativ groß ist und auch wächst. Dazu gehört eben auch das “Dortmund”-Bier. Die Brauerei produziert jetzt unser Bier. Wir bezahlen die Produktion und können das verdiente Geld wieder darin zurück investieren.

Kannst du den Geschmack des Cerveja Feminista mit dem Bier vergleichen, das du in Deutschland getrunken hast?

Unser Bier ist ein Red Ale, ich habe sowas in Berlin nie probiert. Generell ist das deutsche Bier sehr viel stärker als brasilianisches Bier. Das liegt wahrscheinlich am Klima, hier mit 40 Grad können wir nicht ständig so starkes Zeug trinken (lacht). Das Cerveja Feminista ist ein Starkbier, es hat 6,5 Prozent Alkoholgehalt und ist etwas bitter. Es hat wahrscheinlich mehr mit deutschem Bier als mit Brasilianischem gemeinsam – wegen des höheren Alkoholgehaltes und auch der Brauerei “Dortmund”, die nach einem deutschen Rezept braut.

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Wie finanziert ihr das Bier?

Wir haben die erste Produktion des Bieres mit unserem eigenen Geld bezahlt. Und dann verkaufen wir das Bier eben und versuchen, damit so viel Geld zu bekommen, dass es sich irgendwann selbst finanziert. Verkauft wird das Bier in São Paulo und online auf unserer Homepage.

Habt ihr das Ziel, damit Geld zu verdienen?

Nein, eigentlich geht es uns nur darum, Gespräche zu erzeugen. Es soll eine kleine Sache bleiben. Eine ganze Brauerei zu unterhalten, die Profit erwirtschaften soll, wäre schon ziemlich kompliziert. Das passiert alles neben unserer regulären Arbeit.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Caren Miesenberger lebt, studiert und arbeitet eigentlich in Hamburg, tut dies aber gerade in Rio de Janeiro.
Sie interessiert sich für intersektionalen Feminismus und dafür, eine Verbündete für Menschen zu sein, die von mehr gesellschaftlicher Unterdrückung betroffen sind als sie selbst. Hat viel journalistisch, an der Uni und im Filmbereich gearbeitet. Wichtige Themen außerdem: Essen, Azealia Banks und das Internet.

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