DIDINE VAN DER PLATENVLOTBRUG – SELBSTERMÄCHTIGUNG

Wenn in den letzten Jahren ein richtiger Satz mit mehr Nonchalance und Wucht gesetzt wurde als dieser, so sollte es mich wundern! In der Ankündigung zu den Aktionen der Superlative-Magazines zum 8. März 2015 las ich: „Der Weltfrauentag ist doch das perfekte Datum dem Patriarchat den Kampf anzusagen, finden wir.“ – Da kann ich als Tunte nur zustimmen und ich verneige mich vor der kreativen Vehemenz der Macherinnen.

Die Emanzipation ist wohl eine der wichtigsten Bewegungen und eines der wichtigsten Anliegen unserer Tage. Seitdem der Kampf der verschiedenen Emanzipationsbewegungen in den 1960ern startete (mit diversen zeitlichen Vorläufern), hat sich die Welt verändert und in vielerlei emanzipatorischer Hinsicht verbessert. Aber die Gesellschaften dieser Welt sind noch lange nicht da, wo sie sein sollten.

Ich möchte kurz über mein Tuntewerden und Tuntesein plaudern, um die Kraft des Emanzipatortischen zu beleuchten.

Nun, als ich vor vielen Jahren mit der Neu-Erfindung meines Selbst als Tunte anfing, war mir klar, dass es nicht darum gehen kann zu täuschen, z.B. in dem ich versuchen würde Frauenrollen oder Frauenbilder zu kopieren oder zu persiflieren. Vielmehr war die Kleidung und die anderen Zutaten der Veränderung nur Mittel, um eigenen Träumen und Hoffnungen Ausdruck zu verleihen: Mit nur wenig Aufwand konnte ich zu einer Fernsehjournalistin werden, etwas was ich im ‚eigentlichen Leben’, d.h. ohne die Zutaten der Veränderung, zu diesem Zeitpunkt noch nicht werden konnte. Mit den Zutaten der Veränderung war ich es aber sehr wohl, und zu meiner Überraschung dauerte es nicht lange und schon stand ich vor echten Fernsehkameras und arbeitete journalistisch.

Mit Make-up, Zweitfrisur und Kleidung konnte ich Rollen einnehmen, die mir Gesellschaft eigentlich nicht zugestehen würde: So z.B. die Rolle der Philosophieprofessorin. Zusammen mit meiner Bühnenpartnerin Blessless Mahoney wurde ich 1994 zur Philosophieprofessorin und noch Jahrzehnte später werde ich in dieser Rolle in vollem Ornat und mit prächtiger Zweitfrisur zu Vorträgen in Deutschland, Frankreich und den USA gerufen.
Über die Zutaten der Veränderung wie Kleidung, Make up und Zweitfrisur machte ich die sensationelle Erfahrung, dass quasi fast jede Position, jede Rolle, jeder Beruf erreichbar war.

Dies war für mich eine der wichtigsten Lehren meines Lebens, darum geht es, wenn ich von ‚Selbstermächtigung’ rede: Die tiefe Einsicht, dass wir uns nur zutrauen müssen einen Weg zu gehen. Zum Beispiel mit den verschiedenen Zutaten der Veränderung. Oder aber auch ohne Selbige. Denn ich habe aus meiner Arbeit und meinem Sein als Tunte gelernt, dass eines immer gilt: Was wir uns selbst erlauben ist viel wichtiger als das was uns von der Gesellschaft zugedacht wird. Gesellschaft möchte sich nicht verändern: Veränderung muss eingefordert werden, muss solidarisch eingefordert werden.

Denn von den Prozessen die von Frauen in ihrem tagtäglichen Kampf auf der ganzen Welt angestoßen und umgesetzt werden, profitieren wir alle. Z.B. das heteronormative Pärchen, das die neue Vielfalt als Bereicherung versteht, die LGBTQI-Community, die mit ihrer kreativen Kraft die Welt lebenswerter macht, die Menschen in ihren verschiedensten Kulturen, Religionen und Herkünften, die verstehen, dass nur mit einer wirklichen Gleichberechtigung aller Menschen die Welt lebbar wird.

Es war, es ist und es wird ein langer und schwieriger Weg. Aber wenn mich eines hoffen läßt, dann die aus meinem Tuntesein geborene Einsicht: Wir können alles sein!
Lasst uns uns tagtäglich aus den vielen Abhängigkeiten befreien, die uns behindern, uns sagen wollen , was wir können, machen, glauben, leben dürfen: Wir können alles sein!
Last uns für eine Gesellschaft kämpfen, die für alle in dieser Gesellschaft gleich lebbar ist.

 

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Seit 1989 macht Didine van der Platenvlotbrug zusammen mit ihrer Bühnenpartnerin Blessless Mahoney die Hamburger Szene unsicher. Anfangs mit Shows in der besetzten Hafenstraße und in der Roten Flora, später mit tuntenintellektuellen Vorträgen an der Hamburger Universität oder Kunstperformances in der Galerie der Gegenwart oder den Deichtorhallen. Seit über zehn Jahren moderiert sie zusammen mit ihrer Bühnenpartnerin „Zwei Stimmen im Fummel“ im Radiosender FSK. Und seit 1989 sind die beiden auch fest verbunden mit Europas größtem Queeren Filmfest: den Lesbisch-schwulen Filmtagen in Hamburg, bei denen sie jedes Jahr in den verschiedensten Rollen und Positionen mitwirken.

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