ELLO – LOHNT SICH DAS NEUE SOZIALE NETZWERK?

So langsam häufen sich die Meldungen auf Facebook alá: „Ciao Facebook, wir sehen uns auf Ello wieder“.

Aber was ist Ello eigentlich?

Dahinter steckt erst mal eine Gruppe um Paul Budnitz, Gründer von Kidrobot und Budnitz Bicycles, aus den U.S.A.
Erklärtes Ziel ist es, mit Ello ein soziales Netzwerk zu schaffen, das anders als Facebook, den Nutzer nicht als Warengut missbraucht.
Ello soll anzeigenfrei und unabhängig bleiben.
Das ist eine glorreiche Idee und an sich schon lange überfällig.
Die reine Werbe-, Manipulations-, und Überwachungsmaschinerie zu der sich Facebook entwickelt hat, ist ja nicht mehr auszuhalten.
Erste Zweifel kommen jedoch bei der Netzrecherche auf, die ergibt, das Ello 435.000 Dollar von der Venture-Capital-Firma Fresh Tracks erhalten hat.

 

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Erst mal ist dies ja nichts ungewöhnliches.
Mittlerweile gilt dies als gängiges Modell, um Ideen in Tatsachen umzusetzen. Der Markt dafür ist riesig und das Geld fließt in Strömen. Auf der einen Seite Menschen mit Ideen und Potenzial, aber ohne Geld – auf der anderen Seite Firmen mit viel Geld, die auch ein Stück vom „Kreativkuchen“ möchten.

Nur spätestens jetzt stellt sich die Frage: Wie will es ein Unternehmen schaffen unabhängig zu bleiben, wenn es sich doch just in dem Moment, als es das Geld angenommen hat, abhängig gemacht hat?
Im Märchen liegt am Ende des Regenbogens ein Topf voll Geld, oder es regnet als Sternentaler vom Himmel, aber in unserer Realität verschenkt niemand mal eben fast eine halbe Millionen.
Der Investor will irgendwann einmal sein Geld wiederhaben und wie soll Ello das bezahlen?

Geplant ist, das die Ello-User irgendwann für Extra-Features des Netzwerkes zahlen sollen. Das ist nur gerecht, denn das Geld wächst bekanntlich nicht auf den Bäumen, und auch wenn ein Großteil der Menschen zu denken scheint, das Kreative von Luft und tollen Ideen alleine leben können, dem ist nicht so.

Aral Balkan, Gründer von ind.ie und Autor des Indie Manifestes, bringt es für mich in seiner Absage an Ello am ehesten auf den Punkt, und ich schließe mich dem Wunsch an, das die Ello Gründer es schaffen ihren Plan umzusetzen, aller Widrigkeiten zum Trotz.

Die Frage, die mich viel eher interessiert: Brauchen wir wirklich ein neues soziales Netzwerk?

Ja, ein unabhängiger Ort im Netz, an dem wir unsere Energien bündeln können und uns mit Gleichgesinnten zusammentun, wäre toll, aber wie soll das aussehen?
Optisch tut sich bei Ello erst mal nicht viel anderes als damals bei Myspace oder jetzt bei Facebook.
In der aktuell laufenden Beta-Version, veröffentlicht der User sein Profilbild mit einigen Informationen über sich und eine Wall, auf der er Bilder, Statements oder seine tagtäglichen Befindlichkeiten posten kann.

Wie so oft werden die „lustigen Kreativen“, die „Coolkids“ und die „Hipster-Leader“ zuerst eingeladen und der Tenor der Statements zum Ello-Umzug klingen wie die Frage vor´m Club – von „Miss-ich-kenne-den-DJ-persönlich“ – ob Du denn auch auf der Gästeliste stehst?

Was macht dieses neuartige Phänomen Social Media denn eigentlich aus uns, worin liegt wirklich die Faszination?
Geht es wirklich um etwas, das uns sozial näher bringt?

Ich glaube es kaum.

Der Musiker und Spoken-Word-Artist Prince Ea hat es mit seinem Video „Can We Auto-Correct Humanity“ auf den Punkt gebracht.

Social Media bringt uns nur vermeintlich näher zusammen, auf lange Sicht trennt es uns von unseren Mitmenschen. Die vermeintlich sozialen Medien befeuern einen Wunsch, der ganz tief in uns Menschen verwurzelt ist: gesehen und wahrgenommen werden, aber leider geht der Trend in eine Richtung, die meiner Meinung nach extrem ungesund ist und dessen eventuelle Langzeitfolgen mir jetzt schon die Haare zu Berge stehen lassen.

Durch die industrielle Revolution und durch den technischen Fortschritt (der unglaublich ist und viel gutes bewirkt hat), haben wir unserer emotionalen Entwicklung kaum Aufmerksamkeit geschenkt und das rächt sich langsam.
In einer Welt, die in ihren sozialen Gefügen immer komplizierter wird und uns überfordert, ist es ein Kinderspiel einfachste Mechanismen einzusetzen um die Masse dahin laufen zu lassen, wo man sie gerne haben möchte.

Denn, wenn man sich unsere vermeintlich sozialen Medien einmal ganz genau ansieht, stellt man dann nicht fest, das es hier in den meisten Fällen hauptsächlich um einen Jahrmarkt der Eitelkeiten handelt?

Jeder präsentiert sich in möglichst vorteilhaftem Licht, jeder möchte der Coolste sein, und das ist auch vollkommen in Ordnung, nur wir sollten endlich anfangen, das zu erkennen, dieses Phänomen ordentlich zu reflektieren und uns klar machen, welche Auswirkungen das auf uns hat.

Ein persönliches Erlebnis, das mir diesbezüglich mal wieder die Augen geöffnet hat, war der Diebstahl meines Smartphones.
Oh man ey, ich bin immer noch traurig, weil es war echt ein hübsches Ding, aber plötzlich kein Facebook, Whatsapp & Instagram mehr zu haben war einfach nur befreiend.

 

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Vor allem Instagram ist ein echt ekliges Tool.
Man muss sich das mal vor Augen halten: Ich erlebe einen tollen Moment, der mich emotional berührt . Ich muss sofort aus dem Gefühl raus, weil ich ein Foto davon machen muss. Ich kann den Moment auch weiterhin nicht mehr genießen, weil ich das Bild hochladen; einen passenden Filter aussuchen; und mir eine lustige Unterschrift plus Hashtags dazu ausdenken muss. Wenn man das Glück hat, das der Moment dann immer noch andauert, ist es fraglich wie sehr ich ihn dann auskosten kann, denn: ich habe ihn gerade veröffentlicht um andere Leute durch ihre likes darüber urteilen zu lassen, ob es auch wirklich ein „richtig cooler“ Moment war.

Die „sozialen“ Medien sind nur auf Äußerlichkeiten ausgerichtet und wir machen uns abhängig von dem Blick der Anderen und das kann nur im Drama enden, oder zumindest in einer emotional recht verkrüppelten Gesellschaft.

Deswegen meine Frage: Brauchen wir Ello wirklich?
So genervt ich momentan von Facebook und Co. bin, entlockt Ello mir nur ein müdes Lächeln, vor allem wenn es sich so entwickeln sollte wie ich es voraussehe: zu einem weiteren Spielplatz für Möchtegerns die ihre “Profilneurose” nicht im Griff haben.

Ach ja, Nacktbilder sind übrigens erlaubt bei Ello…geil! Das wird ja noch besser als Tinder… Gähn!

Wisst ihr was?

Ich schreibe jetzt einer Freundin, die letztens nach Spanien gezogen ist, einen Brief! auf Briefpapier! mit Füller!.. und in ein paar Monaten, wenn man absehen kann wohin Ello sich nun wirklich entwickelt, mache ich mir darüber vielleicht noch mal Gedanken.

Janny Schulte

Even though my mom raised me right that rap shit saved my life and sometimes I may look kinda funny but ain´t no fool cause whatever I want to do I make it clever. Still life as a shorty shouldn´t be so rough but I´m leaving the past cause I learned I´m the only motherfucker that can change my life.

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