Modedesigner = Traumberuf? Ähhhh, geht so…

Ja, es ist mal wieder Fashion Week in Berlin.
Alle sind ganz doll schick, und geil, und fancy, und auf den allerangesagtesten Partys.
Und ich? Ich bin einfach nur unglaublich froh, das ich aus dem ganzen Game raus bin.
Versteht mich nicht falsch, wer Bock auf den ganzen ChiChi hat soll sich da ruhig austoben, aber für mich ist das Ding mit der Mode vorbei.

Ich hab das ganze ja, wie man so schön sagt, „von der Pike auf gelernt“.
Erst mal schön die klassische Ausbildung zur Damenschneiderin, bei Escada im Musteratelier in Dornach/München. Hier habe ich alle Feinheiten des Handwerks gelernt: Biesen von Falten zu unterscheiden, Stäbchen in Corsagen einarbeiten, 15 Meter Tüllunterröcke anfertigen, hohlsäumen, tausend andere Sachen und bügeln, bügeln, bügeln.

Nach der Ausbildung bin ich dann etwas verpeilt durchs Münchner Nachtleben getorkelt, bis es dann irgendwann hieß: auf nach Hamburg, an die Akademie für Mode und Design, Textilmanagement studieren.
Das war irgendwie eher nur so „for the paper“.
Die 450€ im Monat hätten echt verdammt weh getan, hätte ich nicht das unglaubliche Glück gehabt, elternunabhängiges Schülerbafög zu bekommen.
An dieser Stelle sei einmal dem Statt gedankt. Passiert ja nicht so häufig, aber man kann ja auch mal Glück haben.

Vielleicht ist das Licht auch nur extrem beschissen: aber John Galliano wirkt irgendwie nicht besonders frisch!

Vielleicht ist das Licht auch nur extrem beschissen: aber John Galliano wirkt irgendwie nicht besonders frisch!

Dann wieder ein bisschen verpeilt durchs Nachtleben getorkelt, bis mich Kerstin vom legendären Kandie Shop in St.Pauli gefragt hat, ob ich nicht Bock hätte bei ihr Klamotten zu verkaufen.
Anscheinend hatte ich auf so einen Schubser nur gewartet, denn ich war vollkommen Feuer und Flamme und hab mich voll reingestürzt in das Abenteuer „eigenes Modelabel“.

Das habe ich dann so sechs Jahre durchgezogen, bis ich irgendwann komplett die Schnauze voll hatte und alles hingeschmissen habe. Ich bin bis heute stolz auf mich, das ich den Mut dazu hatte, und wenn ich vor irgendwas Angst bekomme, denke ich immer an dieses Gefühl und ich hab schon wieder ein bisschen weniger Bammel.

Voll geile Erfahrung – wenn auch krass.

Nun ja, und jetzt sitze ich hier und merke immer mehr, was ich mir in der Zeit eigentlich alles angetan habe. Ich würde schon sagen das ich auf eine Art eine laute Persönlichkeit bin.
Ich stehe gerne mal im Mittelpunkt und lass mich bewundern, aber das was das Modebusiness von einem verlangt ist knallharter Narzissmus, gepaart mit einem Ego das sich nie, aber auch nie in Frage stellen lassen darf.

Im Endeffekt fällt die tatsächliche Kreativität gar nicht so sehr ins Gewicht, es ist oftmals viel wichtiger, wen Du kennst, bzw. mit wem Du auf gut Freund machst.
Das heißt, man muss auf allen Hochzeiten tanzen, ständig präsent sein und mit den richtigen Leuten abhängen. Deine Entwürfe müssen genau dem Zeitgeist entsprechen, d.h. schlechte Kopien kommen oft besser an als wirklich individuelle Designs.
Das ist extrem frustrierend und verleidet einem vieles. Ich denke, wenn man auf der Suche nach etwas sinnvollem ist, ist die Modebranche irgendwie nicht der richtige Ort.

Würden sie diesem Mann ihre Kinder anvertrauen? Wolfgang Joop sah auch schon mal entspannter aus.

Würden sie diesem Mann ihre Kinder anvertrauen? Wolfgang Joop sah auch schon mal entspannter aus.

 

Mode gibt mir persönlich auch so wenig zurück.
Klar, es ist schon eine sinnliche und inspirierende Erfahrung, die Haptik eines wunderschönen Stoffes zu erfühlen und genau zu wissen, was man daraus machen wird. Schnitte zu entwickeln und ewig an einem Teil rumzutüfteln bis es dann irgendwann genauso ist, wie man es sich vorgestellt hat, lässt einem das Herz schon höher schlagen – aber dann?

Ich für meinen Teil, möchte im Leben lernen, ich möchte mein Gehirn benutzen, und mich emotional, und wenn man so will, spirituell mit dem Leben auseinandersetzen. Wo soll ich das in dem ganzen Zirkus denn bitte hin bekommen? Zwischen essgestörten Menschen mit Profilneurose, die an nichts anderes denken als was sie demnächst auf Instagram posten und wen sie jetzt schon wieder alles tolles kennen gelernt haben.
Oooch nööö.

So mit Modedesigner-Kollegen wahre Freundschaften zu schließen ist irgendwie auch nicht so richtig drin, weil jeder ist sich hier selbst der Nächste, und in einem Berufsfeld das vom kopieren lebt, sind Neid und Missgunst die Standards.
Abgesehen davon hat man für Freundschaften eigentlich eh keine Zeit, denn wer hier etwas werden will, der hat die Punchline von Nas „I never sleep, cause sleep is the cousin of death“, praktisch ins Hirn tätowiert. Das gilt in München genauso wie in New York, das ist dann auch schon wurscht.
Das die ganze Szene überhaupt noch denkt, sie wäre auf irgendeine Art individuell.

Klar gibt es Ausnahmen, aber die sind verdammt selten. Wenn ich mal über einen Modeblog stolpere, lese ich mir am allerliebsten die Kommentare durch. Das ist Realsatire vom Feinsten. Irgend ein Mädel, das es aufgrund seiner „5cm zu wenig“, nicht als Model geschafft hat, postet jetzt Bilder von sich, in Klamotten die es von Labels umsonst bekommt und tut so, als ob das jetzt ihr ganz eigener Stil wäre.

Donatella Versace scheint der ganze Modezirkus auch nicht so richtig gut zu tun.

Donatella Versace scheint der ganze Modezirkus auch nicht so richtig gut zu tun.

Fair enough, die Ladys werden dafür bezahlt und wenn das der Lauf der Dinge ist, soll es ruhig so sein. Aber dann die „Fans“. Schreibt die eine: „Also das finde ich jetzt irgendwie nicht so schön. Du bist echt so ein hübsches Mädchen und normalerweise mag ich die Klamottenauswahl immer, aber diese weiten Sachen stehen Dir einfach nicht“.
Soweit so gut, das ist ja ganz niedlich und nett, die Antworten der anderen Kommentarschreiberinnen sind dann einfach nur zum kreischen.
Das hört sich dann in etwa so an: „Ey, ganz ehrlich, bevor Du hier so tust, als wärst Du Expertin, guck Dir erst mal die letzten Schauen von XYZ an. Du hast so keine Ahnung in Deinen Skinny Jeans.“
Ahhhh wie lustig, Individualität kommt von Schauen angucken und dann Bescheid wissen was in ist. Jaja, soso!

Neee sorry – dann habe ich das die ganze Zeit voll nicht verstanden, und dann ist es für mich wirklich eine Erleichterung, das Ganze hinter mich gelassen zu haben.
Ich bewundere alle Menschen die sich da durchwursteln und an ihre Vision glauben und ich wünsche euch wirklich viel Spaß dabei, aber mein Geist braucht wirklich anderen Input als das, was die „glitzernde“ Modewelt zu bieten hat.

Janny Schulte

Even though my mom raised me right that rap shit saved my life and sometimes I may look kinda funny but ain´t no fool cause whatever I want to do I make it clever. Still life as a shorty shouldn´t be so rough but I´m leaving the past cause I learned I´m the only motherfucker that can change my life.

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