PEARLS NEGRAS – DIE SCHWARZEN BADASS RAPPERINNEN AUS DER SCHICKEN FAVELA

Die Girlgroup Pearls Negras (“Schwarze Perlen”) aus der Favela Vidigial (Rio de Janeiro) erobert vor allem außerhalb ihres Landes gerade Herzen im Sturm. In Brasilien wollte sie erst kein Label, dann “entdeckte” sie ein deutscher Produzent aus London bei einem Auftritt in Rio. Seitdem ist das Teenager-Trio international gesigned, erschien in einer Werbekampagne für C&A (ja, den Lieblingsladen deiner Mudder gibt’s auch in Brasilien) und ging im August 2014 in Europa auf Tour – gemeinsam mit Janelle Monaé und Rita Ora.
In internationalen Musikzeitschriften werden sie oft als “Baile Funk”-Sängerinnen beschrieben. Wahrscheinlich ergeben die Buzzwords “Musik” plus “Favela” dank dem kulturellen Export, der vor allem von Diplo vorangetrieben wurde, in den Köpfen der meisten Journalist*innen = “Baile Funk” – so lässt sich die Musik der Pearls Negras aber nicht beschreiben. Sie verstehen sich als Rapperinnen, haben Hip Hop bewusst ausgesucht, um sich von dem, was größtenteils in den Favelas gemacht wird, abzugrenzen und dreschen mit eloquenten Texten über ganz normale Teenager-Themen und das Leben als schwarze Favela-Bewohnerinnen nach vorne. Mit dem lyrisch und taktisch eher monotonen (Baile) Funk, dessen beliebteste Tracks funktionieren, weil wenige Wörter und Phrasen wiederholt werden, hat das wenig gemein. Anspieltipp: Ihr Gratis-Mixtape Biggie Apple.

Kennengelernt haben die drei Mädels sich im Theaterprojekt Nós do Morro (= Wir vom Hügel, wobei Hügel in Rio synonym für Favela steht), wo auch der Cast des Filmes City of God ausgewählt wurde. Superlative-CUNTributerin Caren Miesenberger traf Alice (19) und Jennifer (17), zwei der drei “Schwarzen Perlen”, im Elternhaus von Alice zum Interview.

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Euer aktuelles Mixtape heißt „Biggie Apple“. Das ist auch eine beliebte Bacardi-Sorte hier in Rio. Trinkt ihr die gerne oder weshalb habt ihr den Namen ausgesucht?

Alice: Neee, ich trinke nicht wirklich, davon kriege ich Magenschmerzen.
Jennifer: Ich trinke sehr gerne! (lacht)
Alice: Unser Produzent hat sich das ausgedacht. Er hat den Namen ausgesucht wegen so einer großen Stadt, dem „Big Apple“ – ich glaube das ist New York.

Ihr seid letztes Jahr das erste Mal mit dem Flugzeug geflogen, als ihr nach Europa auf Tournee gefahren seid. Was war das für ein Erlebnis?

Alice: Es war schrecklich!
Jennifer: Es war der Horror!
Alice: Als wir los flogen hatten wir echt Angst, dass es abstürzt. Wir haben das ganz schön oft in Filmen gesehen, dass Flugzeuge abstürzen. Deshalb hatten wir Angst, dass uns das passiert. Nach London war es am allerschlimmsten – der Flug hat so unglaublich lang gedauert und ich konnte vor Angst nicht schlafen.

Und wie war es in London?

Alice: Es war super!

Was glaubt ihr mögen die Leute, die eure Texte nicht verstehen, an eurer Musik?

Alice: Unsere Energie auf der Bühne. Wir sind sehr stark auf der Bühne. Hier in Brasilien können die Leute unsere Texte komplett mitsingen. Was die Leute im Ausland nicht verstehen,müssen wir es durch unsere Performance vermitteln – durch Tanzen, Lächeln, und so weiter.

Wie war es, nach der Tour wieder zurück nach Vidigal zurückzukommen?

Alice: Ganz anders! Wir haben uns gefühlt, als hätten wir bereits dort in Europa gewohnt.
Jennifer: Wir hatten aber auch Sehnsucht nach Brasilien.
Alice: Wir bitten alle Leute aus dem Ausland, die uns interviewen, darum, uns mitzunehmen (lacht). In London haben wir so unglaublich viel in Swimming Pools abgehangen und das war total super, das wollen wir wieder!

Swimming Pools? In Deutschland wollen alle die Strände aus Rio!

Alice: Wir haben hier halt Strände, im Pool ist es so, dass das Wasser ruhig ist, es gibt keine Wellen. Wir lieben Swimming Pools, es ist anders als der Strand!

Seid ihr jetzt, wo ihr berühmt seid, auch reich?

Beide: REICH?? (und lachen hart)
Alice: Also, reich wirklich nicht, aber wir haben jetzt gutes Geld. Wir haben ja mit C&A eine Kampagne gemacht und dadurch ganz gut verdient. Wir müssen aber total auf das Geld aufpassen.

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Ich habe gelesen, dass eine von euch ihre Mutter von der Arbeit als Haushälterin befreien möchte. Hat das geklappt?

Alice: Wir alle wollen das! Die Mütter von uns allen arbeiten als Putzfrauen. Wir wollen alle, dass die das nicht mehr machen müssen. Denn wir haben eine sehr reiche Seele, wir sind zwar arm, aber haben eine sehr reiche Seele.

Jennifer: Ich denke, dass wir deshalb reich sind. Wie wir uns kleiden, dass wir nur das Beste für uns wollen, und so weiter. Das macht uns reich.

Alice: Wir konnten unsere Mütter noch nicht ganz von der Arbeit befreien, aber sie jetzt sehr gut unterstützen – bei Anschaffungen im Haus oder Lebensmitteleinkäufen, Mariana hat ein Sofa gekauft…so müssen unsere Mütter weniger arbeiten. Wir versuche weniger Geld für Kleidung auszugeben und mehr für unsere Mütter zurückzulegen.

Wie hat sich euer Leben verändert, seitdem ihr berühmt seid?

Alice: Wenn wir ausgehen, wollen die Leute immer Fotos mit uns machen und sie spielen unsere Musik. Das ist super, vor allem, wenn wir irgendwohin gehen und nicht wissen, dass wir gespielt werden. Dann merken wir, dass unsere Arbeit läuft. Wir investieren jetzt in ein Album, damit die Leute unsere Musik auch mit nach Hause nehmen und dort hören. Wir sind im Ausland viel bekannter als hier! Wenn also hier unsere Musik läuft, macht uns das noch viel glücklicher als im Ausland, weil wir von hier kommen und anerkannt werden. Im Ausland sind wir sogar auch in einer Modezeitschrift erschienen unter dem Titel „Favela Chic“, weil die Leute unseren Stil so super fanden, dabei ist das hier für uns völlig normal! (lacht)

Ausländische Zeitschriften nennen eure Musik auch „Baile Funk“. Was haltet ihr von dieser Kategorie?

Alice: Das stört uns jetzt nicht, wir tanzen Funk, wir mögen Funk, das ist brasilianische Kultur, wir greifen Tänze davon auf – nicht das, was jetzt unter Funk passiert, die ganzen schlimmen Sachen wie, dass Gewalt verherrlicht wird, sondern das aus der Epoche unserer Eltern. Wir haben keine Vorurteile gegenüber Funk. Nur, dass wir halt Rapperinnen sind. Wir sind Rapperinnen, waren immer Rapperinnen und werden uns auch nicht ändern. Auf unseren Konzerten spielen wir aber auch manchmal Funk. Wir haben null Vorurteile gegenüber Funk.

Jennifer: David, unser Produzent, hat auch Trap zu unserer Musik gebracht. Das ist Funk sehr ähnlich. Deshalb verwechseln das manche Leute.

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Habt ihr jetzt Feindinnen, wo ihr berühmt seid?

Alice: Was sind das für gefährliche Fragen (lacht)?
Jennifer: Wir hatten immer Feindinnen, Mädchen machen uns gerne nach.
Alice: Es gibt sehr viel Rivalität, wahrscheinlich auch, weil wir jung sind. Wenn wir älter sind, wird das bestimmt weniger. Leute haben Neid und das ist wirklich oft eine Sache von Jugendlichen, das wird vorbei gehen, wenn wir mal 24 Jahre alt sind oder so…

Was sind eure Alternativen, falls es mit der Musik nicht klappt?

Alice: Wir haben immer Kunst gemacht, Schauspiel und so. Das haben wir auch gemacht, bevor wir gerappt haben. Falls es mit der Musik nicht klappt, machen wir das wieder.
Jennifer: Ich will vielleicht studieren, mein Vater möchte das unbedingt.
Alice: Mein Vater hat gesagt, dass man am Besten immer einen Plan B haben soll.

Habt ihr Angst, dass es international nicht klappt wegen der Sprache?

Alice: Nein, nicht wirklich. Es geht uns mehr um die Energie und wir haben super viel Spaß dabei uns hängen uns wirklich rein – wir glauben wirklich an unsere Arbeit.
Wie haben die Gringos reagiert, als ihr in Europa aufgetreten seid?

Jennifer: Ich glaube viele waren überrascht. Sehr viele Leute gucken uns an und erwarten nicht besonders viel, aber wenn wir auf die Bühne gehen, sind sie überrascht von unserer Energie. Sie haben uns Energie gegeben und wir haben ihnen Energie gegeben.
Alice: Wir wurden sehr gut empfangen, überall, wo wir waren.

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Besser empfangen als in Brasilien?

Alice: Besser! Hier in Brasilien ist es schwieriger. Hier ist es so, die Leute mögen Funk, weil Funk im Radio gespielt wird. Sie sind nicht wirklich offen für neue Dinge von hier. Neue Talente haben keine Chance. Als wir noch nicht berühmt waren wollte niemand etwas von uns wissen. In Brasilien muss man als Künstler echt leiden, um anerkannt zu werden – das ist im Ausland anders. Kanye West und Jay-Z machen Festivals für neue Artists, T.I. kümmert sich um die Karriere von Iggy Azalea, Snoop Dogg hat zu Pharrell gesagt, dass er nicht nur Rap, sondern auch Pop machen kann und so weiter… Hier läuft das anders – die Leute helfen sich viel weniger.

Ist das für Frauen und Männer gleich schwer in Brasilien oder gibt es da Unterschiede?

Alice: Ich glaube, dass es gleich schwer ist, glaube nicht, dass Männer es da leichter haben.
Jennifer: Wenn ich jetzt an Destiny’s Child denke – und wir sind ein Trio von jungen Mädchen – ich glaube, dass es einfacher für uns war, weil es die schon gab. Dass die berühmt sind hat unserer Karriere sehr geholfen.

Ihr habt einen Song namens „Guerreira“ (deutsch: Kriegerin) gemacht. Was ist eine Guerreira für euch?

Jennifer: Unsere Mütter sind Guerreiras für uns. Die sind unsere Inspirationen. Denn sie haben immer gearbeitet, um sich um uns zu kümmern, um das Haus in Ordnung zu halten. Das sind für uns Guerreiras. Wir sind auch Guerreiras, haben viel durchgemacht, haben mit nichts angefangen – wir hatten kein Mikrofon und gar nichts, haben jeden Tag in der Werkstatt gearbeitet, egal ob Regen oder Sonne. Es war nicht so, dass wir ein Video aufgenommen haben und dann sofort berühmt wurden. Wir haben sechs Jahre lang hart gearbeitet. Wir sind Guerreiras, das wollen wir mit dem Song aussagen.

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Und wie sieht es aus mit den Jungs, haben die jetzt Angst vor euch, wo ihr so berühmt und erfolgreich seid?

(In diesem Moment fängt die Mutter von Alice, in deren Haus das Interview stattfindet, im Nebenzimmer sehr laut an zu lachen)

Alice: Im Gegenteil! Sie lieben berühmte, stilvolle und hübsche Frauen. Und wir sind hübsch, ne? Ich darf unsere Schönheit nicht vergessen. Das komplettiert das Paket. Unsere äußere und – wie heißt das? – innerere, oder? Ja, unsere innere Schönheit. Deshalb kommen Jungs jetzt immer an wie Hunde, aber uns interessiert das nicht besonders.

Jennifer: Aber ich denke, dass es auch welche gibt, die Angst haben, was mit uns anzufangen, weil wir berühmt sind. Der Freund von Mariana ist sehr eifersüchtig.

Ihr singt über „Mr. President“, aber die Präsidentin von Brasilien ist eine Frau. Weshalb die männliche Form?

Alice: Damit alle Leute in allen Ländern sich damit identifizieren können. Und als wir das Lied geschrieben haben, war Lula (Vorgänger der aktuellen Präsidentin Dilma Rousseff, Anm. der Red.) noch Präsident von Brasilien.

Jennifer: Wir haben darüber nachgedacht, den Titel zu ändern, es aber gelassen. Wenn wir den Titel geändert hätten in „Mrs. President“ wäre das quasi ein direkter Angriff auf Dilma gewesen.

Alice: Und in der maskulinen Form lassen wir es offen, „Presidente“ kann eine Frau oder ein Mann sein. Obama ist ja auch President. Er hilft den Leuten so viel. Er geht zu Basketballspielen und so! Es wäre cool, wenn er unser Präsident in Brasilien wäre.

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Was wäre denn cool daran, wenn Obama Präsident von Brasilien wäre?

Alice: Hier gibt es so viel zu ändern! Es gibt hier so viel Gewalt, Kriege, Vorurteile. Was er in den USA macht ist, dass er das ändert. Er hört den Leuten zu und löst die Probleme. Hier dauert es superlange bis Probleme gelöst werden und wenn sie endlich gelöst sind, gibt es schon wieder neue.

Jennifer: Die Leute hier in Rio gehen auf die Straße und protestieren viel! Es ist schwierig, es gibt Kriege zwischen den Leuten und der Polizei.

Alice: Vidigal wurde ja auch von der Polizei „pazifiziert“. Das war für einige Leute gut, für andere schlecht. Für mich hat sich nicht so viel verändert.

Jennifer: Jetzt kommen viel mehr Leute nach Vidigal, weil es sicherer ist. Vidigal gilt als eine schicke Favela, als Favela der Talente. Gringos kommen hier her und kaufen Häuser. Es ist sehr hoch anerkannt.

Alice: Vidigal gilt als schönste Favela mit der besten Aussicht, die sehr ruhig ist. Die Gewalt ist hier vorbei und war im Vergleich zu anderen Favelas auch echt weniger schlimm. Jetzt ist es hier nur Liebe und Frieden. Und es gibt jetzt Regeln: wenn deine Nachbarin nachts Musik spielt kannst du die Polizei rufen und sie muss es ausmachen. Das war früher anders.

Wenn ihr in Europa auf Tour geht, welche Identität ist für euch wichtiger – dass ihr aus Brasilien, aus Rio de Janeiro oder aus der Favela Vidigal kommt?

Alice: Das ist alles gleich wichtig, das zeigen wir alles. Wir wollen denen aber eine schöne Seite von Brasilien zeigen, eine andere Perspektive. Weil manche Gringos kommen mit der Intention, dass es hier nur um Ärsche geht.

Jennifer: Ein Ausländer meinte zu uns, dass es ihm nur um Ärsche geht, wenn er an Brasilien geht. Ärsche, Ärsche, Ärsche!

Alice: Das hat der Typ uns so ins Gesicht gesagt! Und wir meinten dann: Nix Ärsche! Wenn wir ins Ausland gehen wollen wir eine andere Seite von Brasilien zeigen. Die Seite der Kultur, die Seite vom Positiven. Dass man sexy sein kann, ohne vulgär zu sein. Und wir sind sexy! Nur, dass wir es nicht mögen, vulgär zu sein, weshalb wir es auf eine andere Art präsentieren. Wir wollen vor allem Spaß haben und zum Beispiel die ganzen Tänze vom Funk zeigen – das ganze positive! Hier wird das immer alles negativ wahrgenommen.

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Was sind eure aktuellen Projekte?

Alice: Wir haben gerade zwei Videos gemacht und ein Album aufgenommen. In Brasilien funktioniert alles durch Musikvideos – nur damit werden hier Leute berühmt, weil die im Fernsehen gezeigt werden. Deshalb haben wir die gemacht. Ich habe die Schule schon beendet…

Jennifer: Ich bin im letzten Schuljahr und habe immer sehr viel zu tun!

Mit wem würdet ihr gerne zusammenarbeiten?

Alice: Mit Flora Matos, das ist eine Rapperin, die den weiblichen Hip Hop in Brasilien sehr stark vorangetrieben hat. Mit ihr würden wir unglaublich gerne arbeiten und wahrscheinlich klappt das jetzt auch, Gottseidank!

Jennifer: Im Ausland wäre es Drake, Nicki Minaj…

Alice: Aber Mariana möchte mit Beyoncé arbeiten. Ich mit Chris Brown! Das sind Träume. Kanye West wäre auch okay! Aber unser Traum wäre mit denen zu arbeiten, deren Musik wir hören und zu deren Musik wir weinen. Wir haben auch einen schon getroffen auf der Tour in Europa, André, wie heißt der noch gleich..?

Jennifer: Andre 3000!

Alice: André 3000! Genau! Und der hat mit uns geredet, er hat gesagt: „very good!“, das war unglaublich für uns! Unglaublich! (Und wir gehen jetzt nach Großbritannien um ein Event mit Kanye West zu machen. Wir werden Beyoncé, Drake, Ciara, Chris Brown und Nicki Minaj sehen. Das ist unser Traum! Ach so, und bitte nicht verwechseln – das ist nämlich schon mal passiert. Ich bin absoluter Fan von Drake und Nicki Minaj, Jennifer ist Fan von Ciara und Chris Brown und Mariana von Beyoncé. Das darf nicht verwechselt werden!

 

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Caren Miesenberger lebt, studiert und arbeitet eigentlich in Hamburg, tut dies aber gerade in Rio de Janeiro.
Sie interessiert sich für intersektionalen Feminismus und dafür, eine Verbündete für Menschen zu sein, die von mehr gesellschaftlicher Unterdrückung betroffen sind als sie selbst. Hat viel journalistisch, an der Uni und im Filmbereich gearbeitet. Wichtige Themen außerdem: Essen, Azealia Banks und das Internet.

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