THE ULTIMATE GIRLZ COURT – SHEROMANIACS

In der neuesten Kolumne von Janny geht es um die Gefahr die hinter dem Perfektionismus lauert und was mangelndes Selbstbewusstsein damit zu tun hat.

Sheromaniacs

Die Wortschöpfung Sheromaniacs flatterte mir letztens irgendwie beim Aufwachen zu.
Ich hatte den Abend davor bestimmt irgend etwas über ganz tolle Frauen gelesen und der Begriff Shero, als weibliche Form von Hero spukte mir im Kopf herum. Gleichzeitig kam von irgendwoher der Gedanke, das wir alle manchmal ganz schön manisch agieren, in unserem Wunsch immer perfekt zu sein. Seitdem lassen mich die Gedanken um die Sheromaniacs nicht mehr los.
Ich kann es wunderbar an mir selbst beobachten und auch in meinem Freundinnenkreis ist die „Shero-Manie“ eine weitverbreitete Art Neurose, die hohe Wellen schlägt und uns oft am Glück vorbeirauschen, bzw. es manchmal auch gar nicht mehr wahrnehmen lässt.
Ein gutes Beispiel hierfür ist ein „one-on-one“ Gespräch mit einer mir sehr wertvollen Freundin, die vollkommen gestresst vor mir saß und geklagt hat, das sie gar nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Obwohl sie so tapfer ihren Weg geht, erfolgreich ihren Job meistert, versucht ihre Beziehungsgeschichten vernünftig zu reflektieren und äußerlich allen Anschein einer toughen Frau macht, kam plötzlich die Aussage von ihr: „Ich würde gerne mal wissen was eigentlich wirkliche Leistung ist. Wie viel leisten die Anderen, ich hätte so gerne mal einen Richtwert, an dem ich mich orientieren kann.“

Wann ist genug?

Das ist so typisch für uns Sheromaniacs.
Anstatt sich darauf zu besinnen, wann für einen selbst genug ist, wann unsere Grenzen erreicht sind, messen wir uns ständig an anderen. Eine weitere Krux bei der ganzen Sache: das eigene Selbstbewusstsein ist nicht wirklich stetig und gefestigt, d.h. wir haben eine völlig verschrobene Wahrnehmung auf uns und andere und in 90% aller Fälle erscheint es uns so, als ob wir nicht genug tun und alle anderen alles immer ganz toll machen.
Sehr selten sind wir mit unserer Arbeit wirklich zufrieden und können uns, tief in uns selbst ruhend, auf die Schulter klopfen und sagen: das hast Du jetzt aber toll gemacht. Meist warten wir auf eine Bestätigung von außen und wenn diese nicht kommt, sieht es in unserem Inneren oft ganz schön düster aus und eine Stimme flüstert uns leise und fies zu: „Nein, nein, das ist noch nicht gut, das kannst Du doch besser, guck mal was Du für eine faule Sau bist.“ Und schon stehen wir wieder bereit wie das kleine Duracell-Häschen und trommeln verzweifelt immer weiter, bis wir am Ende so erschöpft sind, das alles über uns zusammenbricht.

Die Gründe dafür sind so vielfältig wie das Leben selbst. Ob es nun der Vater ist, der nie da war, oder doch der ständig präsente Übervater, von dem man sich bis heute nicht emanzipieren konnte, dem man denkt, alles recht machen zu müssen, oder auch die alleinerziehende Mutter, die man nicht belasten darf mit seiner eigenen Schwäche…diese Liste lässt sich endlos fortsetzen, das muss wohl jeder für sich selbst herausfinden.
Es ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt, aber eine gute Freundin hat mir dieses Jahr zum Geburtstag ein wunderbares Geschenk gemacht und zwar: „The Vagina Monologues“ von Eve Ensler.(Danke nochmal an dieser Stelle Aga, I appreciate it to the fullest und es bedeutet mir sehr viel!).

Das Buch kam genau zum richtige Zeitpunkt in mein Leben und ich empfehle es jedem es zu lesen, ob nun Weiblein oder Männlein. Die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Geschlechtsorgan geht uns alle an und kann nur positive Auswirkungen auf uns haben. (Stellt Euch nur mal vor, alle Menschen würden sich reflektiert mit ihrer tatsächlichen, naturgegeben Sexualität auseinandersetzen und wären nicht mehr ganz so arg sexuell frustriert. Wooohoooo imagine that!) Naja, anderes, wenn auch wichtiges Thema. Nun gut, die Stelle von der ich spreche handelt von einer Frau die einen Vagina Workshop besucht hat, um unter Anleitung von erfahreneren Frauen mal ihre Muschi kennenzulernen. Auf die Frage hin, wer im Kurs schon mal einen Orgasmus hatte hat, traut sie sich nicht, sich zu melden, da sie immer nur zufällige und nicht bewusst herbeigeführte Orgasmen hatte, wie beim Fahrrad fahren, im Schlaf, etc.

Deine Vagina – Dein Leben – Deine Verantwortung

Als die Kursleiterin die Teilnehmerinnen aufforderte ihre Klitoris zu suchen und sich selbst zu stimulieren bricht sie in Tränen aus. In „The Vagina Monologues“ beschreibt sie das Gefühl wie folgt: „We where there, the group of us women, on our backs, on our mats, finding our spot, our locus, our reason, and I don´t know why, but I started crying. Maybe it was sheer embarrassment. Maybe it was knowing that I had to give up the fantasy, the enormous life-consuming fantasy, that someone or something was going to do this for me – the fantasy that someone was coming to lead my life, to choose direction, to give me orgasms.“

Sheromaniacs: learn how to please yourself

Sheromaniacs: learn how to please yourself

In dem Moment als ich das gelesen habe wurde mir vieles klar. Die mädchenhafte Phantasie vom Prinz auf dem weißen Ross, die Angst vor Selbstbestimmtheit vieler Frauen, die dogmatische Einstellungen vieler Frauen und den Glauben und das Festhalten an Äußerlichkeiten, die eigentlich nur drauf warten tatsächlich mit Leben gefüllt zu werden, um nicht mehr wie drei Nummern zu große Klamotten an uns herumschlabbern.
Nein, es kommt keiner und sagt uns wann genug und wie viel genug ist, das müssen wir selber erledigen.
So vielschichtig die Gründe auch sein können, so vielschichtig sind auch die Substitute die wir uns suchen um diese Leere zu füllen. Mag es nun der übertriebene Drogenkonsum, oder der Sportfanatismus sein, auch wenn Sport erst mal gesünder erscheint, das was dahintersteckt ist das gleiche in grün und wir schaffen es damit, immer weiter an uns vorbei zu leben.
Auch Beziehungen sind oft der Versuch von sich selbst abzulenken, es ist ja auch so verdammt einfach dem Gegenüber die Schuld für seine eigene Unzufriedenheit in die Schuhe zu schieben.
Was ich auch ganz oft beobachte und ziemlich tricky finde sind so Ernährungsfimmel. Ich ernähre mich auch ziemlich speziell, aber ich habe ewig an mir rumgedoktort was nun gut für mich ist und was nicht. So viele Frauen benutzen das so inflationär und unbewusst, das ist furchtbar. Nachdem sie gelesen haben das man keine Kohlehydrate essen darf, setzen sie sich auf Radikaldiät und wundern sich, das es ihnen plötzlich gar nicht mehr gut geht. Der eine Körper braucht halt Kohlehydrate, der andere nicht. Das ist eine Typfrage, was für den einen gut und richtig ist, muss nicht zwangsläufig für alle gelten.
Hier geht es viel um die Auseinandersetzung mit sich selbst und das muss man auch erst mal aushalten. Sich selbst sagen zu können, das jetzt auch mal genug ist, das man gut so wie man ist und man kein schlechterer Mensch ist, auch wenn man zehn Stunden Schlaf braucht, anstatt wie die beste Freundin nur fünf.
Das ist mit Anstrengung verbunden und erfordert ständige Wachsamkeit.

Luceo non uro

Ich für mich halte es mit dem Wahlspruch eines schottischen Clans (fragt mich jetzt bitte nicht welcher, ich habe es irgendwo gelesen und es scheint auch schon ein bisschen her zu sein):
Luceo non uro. Das heißt übersetzt: Ich leuchte doch ich brenne nicht.

Sheromaniacs: don´t let yourself be the one that kills you slowly

Sheromaniacs: don´t let yourself be the one that kills you slowly

Für mich habe ich das so interpretiert, das ich nicht ständig auf Höchstflamme brennen muss, auch wenn mir das bisher als einzige Möglichkeit erschien Aufmerksamkeit zu generieren und mich von der Leere in mir selbst abzulenken. Statt dessen sammele ich lieber meine Kräfte und leuchte stetig und schön vor mich hin. Und verdammt, auch wenn es mir manchmal schwer fällt nicht die allererste, vermeintlich am allerschönsten brennende Fackel zu sein (denn das hat ja auch etwas von einer Art Rausch und hat ziemliches Suchtpotenzial), es geht mir verdammt gut damit heimlich still und leise vor mich hinzu leuchten.

 

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Janny Schulte

Even though my mom raised me right that rap shit saved my life and sometimes I may look kinda funny but ain´t no fool cause whatever I want to do I make it clever. Still life as a shorty shouldn´t be so rough but I´m leaving the past cause I learned I´m the only motherfucker that can change my life.

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